• Christian Eckardt

Bremenports kann seit Ostersonntag die Kaiserschleuse im Notbetrieb betreiben



Zum kommenden Wochenende soll die defekte historische Drehbrücke in Bremerhaven schon abgebrochen werden


Zumindest eine positive Nachricht im Zusammenhang mit dem Totalschaden der defekten Fachwerk-Drehbrücke konnte der Hafenverwalter Bremenports am Ostersonntag schon einmal vermelden: Denn die Techniker der Hafengesellschaft haben während der Osterfeiertage Tag und Nacht daran gearbeitet, die Zufahrt zum Bremerhavener-Kaiserhafen wieder frei zu bekommen, um dort festsitzenden Autotransportern die Ausfahrt aus dem Hafen zu ermöglichen, die dort seit dem Totalausfall der Brücke festsaßen.


Am Gründonnerstag kam es am Nachmittag zu einem Totalschaden an der 91 Jahre alten genieteten Drehbrücke, als beim geplanten Aufdrehen ein oberer Stahlträger, der so genannte Obergurt komplett brach und in der Folge weitere Stahlteile zerstört wurden. Schon kurze Zeit nach dem Unglück und einer ersten Inspektion der Brücke stand fest, dass eine Reparatur nicht mehr möglich ist. Da aber Zeitgleich auch die Kaiserschleuse wegen Reparaturarbeiten nicht befahrbar war, das Binnenhaupt wird derzeit technisch im Dock der Lloyd Werft überholt, war der Kaiserhafen für die Schifffahrt vorübergehend nicht zu erreichen.


Riss im Obergurt der Brücke, Fotos Eckardt


Nach dem Einschwimmen des Reservetores und einem ersten erfolgreichen Testlauf am Binnenhaupt am Ostersonntag um 2.00 Uhr konnte der Autotransporter „Prometheus Leader“ am Sonntagmorgen den Kaiserhafen als erstes verlassen, der Autotransporter „Glovis Crystal“ wurde dann am späten Nachmittag ausgeschleust. Eingehende Schiffe sind, vermutlich auch aufgrund der Feiertagsruhe bislang nicht angemeldet, wie Bremenports mitteilte. Die begleitenden Messungen an der Kaiserschleuste hatten ergeben, dass der Notbetrieb, das heißt, dass das Schleusentor ohne Unterwagen bewegt wird, zumindest vorübergehend ohne technische Schwierigkeiten durchgeführt werden kann. Damit konnte nun für die Hafenwirtschaft wie dem BLG-Autoterminal aber auch für die im Kaiserhafen ansässigen Werften sichergestellt werden, dass der Hafen in den nächsten Tagen für die Schifffahrt ohne wesentliche Einschränkungen zur Verfügung stehen wird.


In einem nächsten Arbeitsschritt werden bis kommenden Freitag nun alle Voraussetzungen zur schnellen Demontage der havarierten Drehrücke geschaffen. Am vergangen Samstag informierten Häfensenatorin Claudia Schilling (SPD) und Bremenports-Geschäftsführer Robert Howe die Medien über die anstehenden Arbeiten. Howe bedankte sich zunächst bei allen Beteiligten, hier vor allem bei den Beschäftigten aber auch den regionalen Dienstleistern für den schnellen Einsatz an den Osterfeiertagen: „Ich bedauere die dadurch entstandenen Probleme. Zugleich bin ich sehr froh, dass es in kürzester Zeit gelungen ist, die Erreichbarkeit des Kaiserhafens wiederherzustellen. Nun werden wir in der kommenden Woche intensiv an einer weiteren Verbesserung der Situation arbeiten.“


So wird bis zum Ende der Woche von dem zur Rönner-Gruppe gehörenden Unternehmen BVT-Chartering ein 95,9 Meter langer Schwerlastponton bereitgestellt, der in dem 45 Meter breiten Hafenkanal unter die rund 2.800 Tonnen schwere Brücke geschleppt wird. Zeitgleich wird an der Trennung der Brücke gearbeitet, die mit Schneidbrennern in zwei Teile geteilt wird. Dabei wird das über den Hafen ragende Brückenteil mit einem Gewicht von dann 1.100 Tonnen auf dem erst kürzlich verlängerten Schwimmponton „BHV Innovation“ abgelegt, der über eine Tragfähigkeit von 12.175 Tonnen verfügt. Auch über die Osterfeiertage waren Mitarbeiter von BVT im Bremerhavener Fischereihafen mit den dafür vorbereitenden Arbeiten beschäftigt, da auf dem Ponton nun auch einige Aufbauten wieder entfernt werden müssen. Zudem werden aber auf Ponton mehrere so genannte selbstfahrende Schwerlast-Modulfahrzeuge (SPMT) aufgestellt. Diese dienen später dazu, dass die Brücke auf dem Ponton gedreht werden kann, um sie aus dem engen Hafenbecken heraus zu bugsieren. Nach derzeitiger Planung soll dieses Brückenteil auf die ABC-Halbinsel im Kaiserhafen verfahren werden, um dann dort verschrottet zu werden. Der übrige Brückenteil mit dem Drehkranz wird dann zu einem späteren Zeitpunkt demontiert. Wenn alles planmäßig verläuft, ist ab dem nächsten Wochenende in diesem Bereich zumindest für die Schifffahrt eine störungsfreie Durchfahrt vom Kaiserhafen zur Nordschleuse wieder möglich.


Der jüngst erst verlängerte Schwerlastponton "BHV Innovation" kommt am kommenden Wochenende für den Abbruch der Drehbrücke zum Einsatz


Wann hier aber eine neue Brücke gebaut wird, ist laut Häfensenatorin Claudia Schilling noch unklar. Ihr sei es zunächst besonders wichtig gewesen, dass die Einschränkungen für die Schifffahrt kurzfristig aufgehoben werden. Die Erreichbarkeit der so genannten Columbusinsel mit dem Kreuzfahrtterminal und dem Stückgutterminal der Spedition Heuer Port Logistics ist für den Straßenverkehr über das Außenhaupt der Kaiserschleuse weiterhin möglich. Zugverkehr könne nun allerdings nicht mehr stattfinden.

Senatorin Schilling ist bewusst, dass es für Unternehmen auf der Insel zu erheblichen Störungen im Betriebsablauf kommen werde. Hierzu werde sie kurzfristig mit den Unternehmen Gespräche führen. Schilling: „Zugleich müssen die Vorüberlegungen zum Bau einer neuen Brücke schnellstmöglich konkretisiert werden. Wir wollen die Columbusinsel für die Zukunft bestmöglich wirtschaftlich entwickeln. Deshalb ist eine zweite Zufahrt neben der Kaiserschleuse zwingend erforderlich.“


Man hatte zwar im Hafenressort schon langfristige Planungen für einen Brückenneubau an dieser Stelle ins Auge gefasst. Doch hatten die regelmäßigen, einmal jährlichen TÜV-Prüfungen bislang keine Einschränkung des Brückenbetriebes ergeben, so dass man sich erst ab Mitte des Jahrzehnts konkrete Pläne über einen Brückenneubau machen wollte. Wie dieser zukünftige Neubau aussehen wird, ob wieder eine Dreh- oder gar eine Klappbrücke ist bislang noch gar nicht ermittelt. Bremenports-Chef Howe rechnet grob mit einem Zeitraum von mindestens fünf Jahren, bis eine neue Brücke hier wieder in Betrieb gehen könnte, wobei er keine Einschätzung zu möglichen Kosten geben kann. Bis dahin könnte er sich aber auch einen Einsatz einer Behelfsbrücke über den Hafenkanal vorstellen. Bei diversen Anbietern in Deutschland werden derartige temporäre Brückensysteme für den zweispurigen Verkehr mit einer freien Spannweite von bis zu 85 Meter angeboten, diese sind teilweise bei Bedarf sogar auch beweglich, wenn auch nicht vergleichbar mit einer stationären Klapp- oder Drehbrücke.



Geschichte der Drehbrücke


Die Drehbrücke war bislang die größte Eisenbahndrehbrücke Deutschlands. Sie überquert schräg den 45 Meter breiten Verbindungskanal zwischen den Kaiserhäfen und dem Wendebecken vor der Nordschleuse. Sie bildete vor allem ein wichtiges Bindeglied der Eisenbahnstrecke zum Columbusbahnhof im Zusammenhang mit der Abfertigung der großen Passagier- und Auswandererschiffe des letzten Jahrhunderts. Die Brücke entstand zwischen 1928 bis 1930 im Zuge der groß angelegten Hafenerweiterungsmaßnahmen. Das aus Stahl gefertigte und genietete Brückenbauwerk besitzt eine Länge von 111,9 Metern und auf der Breite von 19 Metern zwei Schienenstränge, eine zweispurige Straße und einen Fußgängerüberweg. Der Entwurf der Drehbrücke stammte von dem Nürnberger Ingenieur Hans Herrmann, die Bauausführung erfolgte durch eine Arbeitsgemeinschaft zwischen der Dortmunder Union Brückenbau AG und der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN). Die Brücke konnte in etwa sieben Minuten gedreht werden, um Autotransporter oder Reparaturschiffe für die Werften durchzulassen.

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