• Christian Eckardt

She´s coming home - Rückkehr nach 94 Jahren nach Bremerhaven



Am 14. Juni 1927 lief auf der Tecklenborg-Werft in Bremerhaven-Geestemünde der letzte Rahsegler, die „Schulschiff Deutschland“ vom Stapel. Nun kehrte das Segeschiff aus Bremen-Vegesack zurück in die Seestadt, an den neu geschaffenen Stammliegeplatz im Neuen Hafen inmitten der Havenwelten.




Die Bremerhavener hätten sich die Verlegung des Großseglers zwar schon zu den Maritimen Festtagen Mitte August gewünscht, doch nun hat auch so alles reibungslos geklappt: Am vergangen Donnerstagmorgen, noch kurz vor Sonnenaufgang säumten schon einige hundert Schaulustige das Ufer an der Lesummündung in Bremen-Vegesack, um den dort zeitweise heftig diskutieren Standortwechsel des „Schulschiff Deutschland“ zu verfolgen. Mit Hilfe der beiden Schlepper „VB Blumenthal“ und „VB Blexen“ wurde der Segler dann pünktlich zum Stauwasser auf die 48 Kilometer lange Fahrt in Richtung Wesermündung gebracht.


Schon nach kurzer Zeit gab es noch ein seltenes Aufeinandertreffen mit dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ der Deutschen Marine, dass derzeit zum Abschluss der umfangreichen Sanierung noch bei der Lürssen-Werft in Lemwerder liegt. Auch hier wurde die „Schulschiff Deutschland“ mit lauten Typhon-Klängen aus Bremen-Nord verabschiedet, schließlich lag der attraktive Großsegler 25 Jahre an der Mündung der Lesum in die Weser und hat hier lange das maritime Bild Vegesacks geprägt. Doch zuletzt fehlten immer mehr die Besucher. Bei einer schriftlichen Abstimmung des Vereins hatten sich im Frühjahr dann nur 38 der 175 Mitglieder für den Erhalt des Standortes Vegesack für das letzte Deutsche Vollschiff ausgesprochen.



Schon kurz nach 10 Uhr traf der Dreimaster bei sonnigen Wetter auf der Unterweser in Höhe der Tonne 67 bei Nordenham auf ein maritimes Empfangskomitee aus Bremerhaven von diversen Fahrgast- und Behördenschiffen aber auch von einigen privaten Motorbootfreunden, die dem Segler von Bremerhaven aus entgegenfuhren. Mit dabei an Bord des Restaurationsschiffes „Hansa“ auch Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz und der Leiter der Erlebnis Bremerhaven, Ralf Meyer, die sich in der letzten Zeit für die Überführung des Schiffes stark gemacht haben. Auch Bremens Hafensenatorin und gebürtige Bremerhavenerin Claudia Schilling nutzte in Ihrem Urlaub die Chance, den Großsegler von Bord der „Hansa“ zu begrüßen.


Auf dem Deich vor den Havenwelten warteten dann um die Mittagszeit bereits zahlreiche Schaulustige auf den Neuankömmling, der im Bereich der Geestemündung mit mehreren Salutschüssen begrüßt wurde. Nicht weit von der Geestemole befand sich an der Geeste die berühmte Tecklenborg-Werft, auf der der Großsegler 1927 erbaut wurde. Anschließend nahmen die Schlepper mit der „Schulschiff Deutschland" Kurs auf die Kaiserschleuse und zur Mittagszeit erreichte der Segler, auch wieder begleitet von unzähligen Schaulustigen entlang der Hafenanlagen, seinen neu geschaffenen Liegeplatz im Neuen Hafen.


Lange wurde im Schulschiffverein über die Verlegung des Seglers diskutiert, doch man sah zuletzt keine Chance mehr, um das Schiff wirtschaftlich zu betreiben. Auch in Bremerhaven, direkt am Einfallstor in die maritime Tourismusmeile Havenwelten, will der Verein das Schiff weiterhin präsentieren – für Besucher, für Übernachtungsgäste in 58 Kojen, aber auch für Feiern und Trauungen. Mit diesem Konzept und den notwendigen Einnahmen kann der Verein den aufwendigen und auch teuren Erhalt des Großseglers finanzieren. Bis es aber so weit ist, vergeht aber noch etwas Zeit. Zwar hat die Stadt Bremerhaven den Liegeplatz mit den notwendigen Ver- und Entsorgungseinrichtungen hergerichtet, doch an Bord muss zunächst noch klar Schiff gemacht werden. Claus Jäger, Vorstandsvorsitzender des Vereins hofft im Herbst das Schiff wieder zu öffnen. Denn zunächst müssten neue Mitarbeiter gewonnen werden, etwa für die Reinigung und Verköstigung, wobei gerade Personal aus der Gastronomie schwer zu bekommen ist. Die überwiegend ehrenamtliche Mannschaft aus Vegesack geht laut Jäger mit zum neuen Standort. Insgesamt sei man guter Hoffnung, weil viel Zuspruch und auch schon Bewerbungen aus Bremerhaven gekommen seien. Das müsse nun abgearbeitet werden. "Wir möchten so schnell wie möglich beginnen, aber auf keinen Fall starten, wenn noch nicht alles läuft“ so Jäger.


Gebaut wurde die 86,20 Meter lange und 11,90 Meter breite „Schulschiff Deutschland“ als Vollschiff von dem Deutschen Schulschiff-Verein, Oldenburg, der es als reines Segelschulschiff, also zur Ausbildung des Nachwuchses für Großsegler, einsetzen wollte. Die Indienststellung erfolgte am 10. August 1927. Bis 1939 absolvierte das Schulschiff 12 Überseereisen und 17 Ausbildungsreisen in die Nord- und Ostsee. Der Antrieb erfolgte nur mit insgesamt 25 Segeln mit 1950 Quadratmeter Segelfläche an den drei Masten, das Schiff verfügte nie über einen Hilfsantrieb. Die Besatzung bestand seinerzeit aus 8 Offizieren, 10 Unteroffizieren, 6 Matrosen und 140 angehender Seeleute, zu der Zeit waren dies nur Jungen. Am 5. Oktober 1929 kollidierte das Vollschiff in der Straße von Dover mit einem französischen Dampfschiff und musste auf der Seebeckwerft repariert werden.


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden keine Segel mehr an Bord gesetzt und die „Schulschiff Deutschland“ wurde zunächst als Wohnschiff in Cuxhaven, später als Jugendherberge in Bremen genutzt. Ab 1952 diente sie als Seemannsschule und Schul-Internat, an einem stiefmütterlichen Liegeplatz an der Weser in Bremen-Woltmershausen. 1996 wurde das einzige erhalten gebliebene Vollschiff der deutschen Schifffahrtsgeschichte nach Vegesack verholt. Ein Verein macht es sich seitdem zur Aufgabe, die „Schulschiff Deutschland" als maritimes Denkmal zu erhalten.


Bei den Konstruktionsplänen griff man auch auf die bewährten Erfahrungen der schon 1901 gebauten “Grossherzogin Elisabeth” zurück. Dieser Großsegler wurde nur fünf Monate nach der Gründung des Deutschen Schulschiff-Vereins, am 22. Mai 1900, bei der weltbekannten deutschen Werft Joh. C. Tecklenborg in Geestemünde (Bremerhaven) gebaut. 1932 wurde die “Großherzogin Elisabeth”, nachdem sie viele erfolgreiche Ausbildungsfahrten absolviert hatte, vom Deutschen Schulschiff-Verein an die Deutsche Seemannsschule in Hamburg verkauft. Am Ende des Krieges schwer beschädigt, wurde sie 1946 an Frankreich übergeben. Dort erhielt sie ihren neuen Namen “Duchesse Anne”. Heute liegt das Schiff als Museumsschiff, zwischenzeitlich wieder instandgesetzt, in Dünkirchen.

"Duchess Anne" in Dünkirchen

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