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  • Christian Eckardt

Vor 60 Jahren lief der letzte Schiffsneubau an der Überseeinsel in Bremen vom Stapel


Relikte der ehemaligen Adler Werft sind noch heute erkennbar Das letzte große Grundstück mit direktem Weserzugang auf der Überseeinsel direkt in Bremen-Mitte hat vor zwei Jahren den Eigentümer gewechselt und der neue Eigner, die Specht-Unternehmensgruppe aus Bremen, möchte das Gebiet von einem Gewerbe- in ein Wohngebiet wandeln. Mit der Rickmers Reismühle verlässt dann demnächst das letzte größere produzierende Unternehmen diese Landzunge an der Weser. Die alte rote Werkhalle direkt an der Weser und, wenn möglich, auch die ins Wasser ragenden Helgen, der Slipanlage möchte Investor Rolf Specht gerne erhalten. „Für mich ist es eines der schönsten Grundstücke an der Weser“ erklärte kürzlich Rolf Specht, geschäftsführender Gesellschafter der 1988 gegründeten Specht Gruppe.


In ein bis zwei Jahren, wenn die erst kürzlich von dem italienischen Lebensmittelproduzenten Pedon übernommene Reismühle das Areal auf einen neuen Standort in Bremen verlassen hat, soll das Areal dann umgestaltet werden. Doch die alten Helgen und Werkhallen, von denen Investor Specht so schwärmt und die er erhalten will, stammen aus einer Zeit, als auf der nördlichen Überseeinsel, zumindest für kurze Zeit, große Seeschiffe gebaut wurden, auf der damaligen Adler Werft. Diese war längst nicht vergleichbar mit den beiden Bremer Großwerften AG „Weser“ oder Vulkan, hatte aber einen großen Anteil für die Wiederaufbauzeit der berühmten Argo-Reederei aus Bremen. Die 1896 gegründete Argo Reederei (Argo Reederei Richard Adler & Söhne, kurz Argo) war eine bedeutende deutsche Schifffahrtsgesellschaft mit Sitz in Bremen. Schwerpunkt der Aktivitäten war die Linienfahrt innerhalb Europas, hier im Speziellen die Fahrt nach Finnland, Großbritannien und in die Levante. Mit einer Flotte von 30 Seeschiffen und einer Tonnage von insgesamt 44.504 BRT stieg die Argo 1914 zur viertgrößten Bremer Reederei auf. Zum Wiederaufbau der eigenen Flotte nach dem zweiten Weltkrieg wurde ab Oktober 1949 die neue Adler-Werft auf der Stephanikirchenweide 30 auf der Überseeinsel, in nördlicher Nachbarschaft zu den Atlas-Werken, errichtet. Auf dieser wurden dann bis 1962 nicht nur Reparaturen, sondern auch insgesamt 23 Neubauten, zumeist Frachtschiffe für die Argo Reederei, erbaut. Hier entstand 1959 auch die 127 Meter lange „Aquila“, das größte Schiff der Reederei aber auch der Werft mit einer Vermessung von 5.862 BRT.Bis 1952 entstanden für die neu gegründete Adler-Werft GmbH auf dem weitläufigen Gelände in schneller Folge der Bau von Maschinenhallen, Schmiede- und Elektrikerwerkstatt, ein Turmdrehkran und die noch heute vorhandene Schiffbauhalle, von der Investor Specht heute schwärmt.

1957 wurde die Werft erweitert, hierzu wurde eine weitere Slipanlage gebaut, auf der eine 150 Meter lange Ablaufbahn mit neun Wagen entstand, um hier Neubauten bis zu einer Länge von 165 Meter und einem Gewicht von bis zu 8.000 t fertigen zu können. Gleichzeitig wurde vor dem Ausrüstungsplatz eine 120 Meter lange Spundwand gezogen, und die dahinterliegende Pier wurde hochwassersicher erhöht. Zu dieser Zeit verfügte die Werft über einen umfangreichen Auftragsbestand für das Wiederaufbauprogramm der Argo-Reederei. Auch wurden umfangreiche Umbauarbeiten an Frachtschiffen durchgeführt, so dass in dieser Zeit bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigt wurden. Hoffnungen auf neue und größere Aufträge aufgrund der erheblichen Investitionen die Werftanlagen wurden zu dieser Zeit nicht erfüllt.

Im Oktober 1959 kam es dann zum ersten lang ersehnten Fremdauftrag der Werft, der Bau des Seebäderschiffes „Bremerhaven“ für die Bremer Seebäder-Dienst GmbH. Der Bauauftrag wurde seinerzeit ohne Ausschreibung freihändig an die Adler-Werft vergeben, die nicht einmal einen Festpreis genannt hatte, sondern auf einer Preisgleitklausel bestand. Ende Mai 1960 wurde dann das 7,5 Millionen Mark teure, 88 Meter lange „Seebäderschiff „Bremerhaven“ für 1.400 Tagesgäste abgeliefert, das die „Wappen von Hamburg“ und die „Bunte Kuh“ der Hamburger in der Größe und Geschwindigkeit knapp übertraf. Für den Bremer Auftraggeber zu diesem Zeitpunkt ein ganz wichtiger Aspekt. Zwar verbuchte die Werft mit der Ablieferung der „Bremerhaven“ einen Prestigegewinn, neue Aufträge stellten sich aber nicht ein. Gegen nationale und internationale Konkurrenz konnte die Werft den Auftrag von zwei dänischen Fährschiffen zum Stückpreis von jeweils 15 Millionen dänischen Kronen verbuchen. Dieses Projekt stellte die Geschäftsführung zu diesem Zeitpunkt noch als Gewinn dar, doch diese Fähren bedeuteten dann das spätere Aus für die Werft. Am 27. November 1962, also vor genau 60 Jahren, wurde von der Adler Werft der letzte Neubau abgeliefert. Hierbei handelte es sich um das dänische Fährschiff „Kalle“, 88 Meter lang und 15,5 Meter breit. Schön während der Bauphase des im Sommer 1962 an die Juelsminde-Kalundborg Linien, A/S abgelieferten Schwesterschiffes „Julle“ wurde in der Kalkulation ermittelt, dass dieser Auftrag ein erhebliches Verlustgeschäft war und an dessen Ende die Aufgabe des Werftbetriebes stand. So wurde im April 1962 bemerkt, dass man beim Bau der “Julle“ beim Materialaufwand mit 550.000 DM im Minus stand, und die Fertigungsstunden waren gar um 50.000 Mark gegenüber dem Plan überschritten.

Foto Museet for Söfart, Copenhagen Dies führte dann bereits am 12. Juli 1962 zu dem Entschluss der Gesellschafter, die Werft zu verkaufen. Am 29. Dezember 1962 wurde dann endgültig mitgeteilt, dass die Produktion auf dem Werftgelände nach gerade einmal 20 Jahren eingestellt wird. Die 322 Arbeiter und 90 Angestellten der Werft standen vor einer ungewissen Zukunft. In den lokalen Wirtschaftsnachrichten war die Werftschließung zu der Zeit nicht das große Thema, hatte doch Bremen gerade mit den Auswirkungen aus dem Insolvenzverfahren der Bordward-Autowerke zu kämpfen, in dessen Zusammenhang damals rund 15.000 Mitarbeiter entlassen wurden.

Die Werft existierte zwar noch bis 1964 und verblieb im Besitz von Adler, da man keinen Interessenten finden konnte. Schließlich wurde die Werft an die AG „Weser“ verpachtetet und benannte sie in „Reparaturbetrieb Süd“ um. Verkauft wurde der Betrieb 1973 schließlich an Ludwig Müller, den bisherigen Betriebsleiter des Reparaturbetriebes der AG „Weser“. Der nun Stephani Werft Ludwig Müller GmbH & Co KG benannte Betrieb, beschäftigte sich bis zu seinem Konkurs im Jahre 1977 mit See- und Binnenschiffsreparaturen sowie mit dem Sektionsbau für andere Werften, überwiegend für Blohm & Voss. 70 Beschäftigte verloren kurz vor Weihnachten 1977 durch den Konkurs ihren Job, was für die ca. 40 Mitarbeiter zählende Stammbelegschaft besonders bitter war, arbeitete sie doch bereits teilweise schon seit 1947 auf der Werft. 1979 kaufte die Speditionsfirma Vollers das Grundstück und verpachtete die kleine Slipanlage und eine kleine Halle es an die neu gegründete SCR Schiffs- und Containerreparatur GmbH. Nach knapp zwei Jahren wurden Teile der Werft an die Firma Donjak GmbH, die bisher Reparaturen an im Hafen liegenden Schiffen durchgeführt hatte, verpachtet. Doch wie das Gewerbeaufsichtsamt im Februar 1982 feststellen musste, war die Slipanlage dort schon total verwahrlost. Diese war nicht somit nicht mehr benutzbar und eine Ausnahmegenehmigung zum Betrieb dieser Anlage wurde abgelehnt. Der Firma Donjak wurde in der Folge gekündigt. Im Mai 1982 pachtete das Abwrackunternehmen Schmidt von der Vollers-Grundstücksgesellschaft die Slipanlage und kündigte an, an diesen endlichen Arbeitsschutzmaßnahmen durchzuführen, wozu es aber offensichtlich aber nicht kam. In Aufzeichnungen des Gewerbeaufsichtsamtes heißt es im August 1985 im Zusammenhang mit einer möglichen Ausnahmegenehmigung für die Slipanlage für ein Abwrackunternehmen: „Auf dem Gelände der Stephani-Werft befindet sich nur noch die Speditionsfirma Vollers“. Damit war nach knapp 40 Jahren der Schiffsneubau und Reparaturplatz an der nördlichen Überseeinsel Geschichte.


Erst danach bezog die bereits 1837 gegründete Rickmers Reismühle das Grundstück. Im Jahr 1963 übernahm die benachbarte Kellog (Deutschland) GmbH die Rickmers Reismühle, die dann 1988 wieder selbstständig wurde und unter dem alten vertrauten Namen firmierte und das Gelände der ehemaligen Werft auf der Stephanikirchenweide bezog. Bis 2006 wurde der Reis für die Produktion noch auf dem Wasser angeliefert, doch dieser erreicht mittlerweile per Container mit dem Zug oder LKW das Gelände. Im Jahr 2009 wurden dort noch jährlich bis zu 30.000 Tonnen Reisprodukte von über 100 Mitarbeitern hergestellt. 2022 musste das Unternehmen aufgrund von Lieferengpässen und gestiegenen Rohstoffpreisen Insolvenz anmelden. Unter dem neuen Eigentümer, dem italienischen Unternehmen Pedon werden dort nun nur noch von den rund 33 verbliebenden Mitarbeitern so sogenannte Convenience-Produkte hergestellt werden, also solche, die schon vorgekocht sind, her. Doch damit soll, läuft alles nach Plan, im Jahr 2024 Schluss sein.


Foto Specht-Gruppe

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